Die Komponistin Helena Cánovas i Parés zu ihrer Auftragskomposition Gleich laut, gleich leise.
Helena, für einen Chor ist die Uraufführung eines Werkes immer sehr spannend, ganz besonders wenn es, wie in diesem Fall, extra für uns komponiert wurde. Was waren Deine ersten Gedanken, als Du von dem Auftrag erfahren hast, für das Thema „75 Jahre Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland“ ein Chorwerk zu schaffen?
Um ehrlich zu sein, war ich anfangs völlig ratlos. Ich wusste nur wenig über die Geschichte des Grundgesetzes. Es ging also darum, sich dem Thema zu nähern, was ich als eine sehr schöne Herausforderung empfand. Ich bin auch nicht in Deutschland geboren und habe natürlich eine ganz andere Sichtweise auf bzw. Erfahrung mit dem Grundgesetz und seiner Entstehung.
Aber ich habe von Anfang an versucht, eine Art Phantasie oder Poesie zu finden. Für mich war von Beginn an klar, dass ich mich nicht an etwas allzu Historisches oder Dokumentarisches halten wollte, sondern eine eigene musikalische Dramaturgie schaffen
wollte.
Wie bist Du konkret beim Komponieren vorgegangen? Hast Du erst einen passenden Text gesucht und ihn dann quasi vertont? Oder hast Du erst musikalische Ideen gesammelt?
Heili Schwarz-Schütte, die Verfasserin des Textes, und ich haben schon zuvor zusammengearbeitet und haben auch einen bestimmten Ablauf, der vielleicht etwas
ungewöhnlich aussieht. In diesem Fall haben wir komplett parallel gearbeitet, sodass es keinen Text gab, als ich mit dem Komponieren begann.
Der erste Schritt im musikalischen Prozess war, am Klavier zu sitzen, Akkorde zu suchen und sie in meiner Stimme selbst zu finden. Glücklicherweise singe ich sehr oft und sehr gerne, auch in einem Chor, und das ist ein Glück, weil ich immer versuche, das, was ich für die Stimme schreibe, sofort selbst zu erleben. Gleichzeitig habe ich mir Gedanken über die Form des Stücks gemacht. Ich konnte mich mit Heili, aber auch mit dem Chorleiter Paul Krämer darüber austauschen, was auf
meinem Schreibtisch passierte. Heili hat einen wunderbaren Text geschrieben, der dann an einem Punkt zu mir kam, an dem ich schon viel Musik geschaffen hatte. Aber den endgültigen Text zu integrieren war kein Problem, weil Heili meine musikalischen Gedanken schon kannte und hörte.
Der Text von Heili Schwarz-Schütte wurde speziell für Deine Komposition geschrieben. Wir möchten gerne etwas zum Hintergrund erfahren.
Für mich war es von Anfang an wichtig, mit jemandem zu arbeiten, der den Text für dieses Stück schreibt. Ich habe schon selbst Texte für meine eigenen Stücke geschrieben (sogar auf Deutsch!), jetzt aber wollte ich das Stück in Zusammenarbeit schreiben. Heili hat den größten Teil des Textes selbst geschrieben. Ich denke, es ist ein Text, der sehr stark versucht, eine Emotionalität zu treffen. Ein Text, den Heili auch direkt geschrieben hat, mit dem Wissen, dass er von einem Chor gesungen wird. Ich denke, der Text versucht, sehr
ermutigend zu sein, aber auch Fragen zu stellen.
In ihren Text hat Heili aber auch Zitate – die oft sehr fragmentarisch sind – aus dem Grundgesetz sowie aus zwei Reden von Konrad Adenauer, die er im Zusammenhang mit der Entstehung des Grundgesetzes
gehalten hat, integriert.
Welche Besonderheiten hast Du in Deiner Komposition verarbeitet? Hast Du zum Beispiel beim Komponieren
musikalische Traditionen mit einbezogen?
Ich habe von Anfang an mit einer ganz einfachen formalen Idee gearbeitet, die lautete: Der Chor weiß nicht mehr, wie er zusammen singen soll, sondern er sucht nach einer neuen Art des gemeinsamen
Singens. Aus diesem Impuls heraus habe ich verschiedene Momente entwickelt, die zunächst etwas schüchtern und statisch sind, in denen Bewegung gesucht wird. Fast am Ende des Stückes kommen wir zu einer Art Choral, der selbstverständlich auf der musikalischen Tradition basiert, aber natürlich mit meinen eigenen Harmonien. Die Form eines Chorals zu wählen, war in diesem Fall etwas sehr Intuitives, fast Natürliches, vor allem in Verbindung mit dem Thema.
Der Chor wird bei dem Stück von zwei Pianisten begleitet und es gibt auch Solostimmen. Erläutere doch bitte kurz die verschiedenen musikalischen Rollen und das Zusammenspiel von Chorsängern, Solosängern und
Pianisten.
Die Klavierstimmen und die Solostimmen im Chor sind wichtige Elemente des Stücks. Zum einen spielen die beiden Pianisten immer sehr unterschiedliche Rollen: von der Begleitung über die Hauptperson bis hin zum Gegenspieler des Chores.
Die Solostimmen begleiten den Prozess des wieder gemeinsamen Singens. Sie sind nicht als große Solostimmen gedacht, sondern eher fragmentarisch; so etwas wie kleine Steine, die nach und nach kommen und eine Mauer bilden. Unser Anliegen ist es, mit der Aufführung dieses Werkes die Zuhörenden aufzurütteln und ihnen die Botschaft mitzugeben, dass Freiheit, Menschenrechte und Demokratie stets aktiv verteidigt werden müssen, da diese nicht selbstverständlich sind und immer Gegner und Kritiker haben.
Was hat Dich in diesem Zusammenhang beim
Komponieren inspiriert, bewegt, herausgefordert oder gar verändert?
Ich finde es immer wichtig, wenn ich ein neues Stück schreibe, dass es eine klare Botschaft hat. In diesem Fall würde ich mir wünschen, dass das Publikum das Stück nicht aus der Ferne hört, sondern dass es sich auch darin wiederfindet, dass es vielleicht ermutigt wird, zu sprechen, sich auszudrücken, aber dass es sich auch diesen Fragen stellt, die wir in dem Stück
stellen. Meiner Meinung nach ist das Schlimmste in einer Gesellschaft das Schweigen, die Neutralität gegenüber den Problemen, die wir haben. Ich hoffe,
dass dieses Stück viele Menschen dazu ermutigt, sich zu äußern.